Ziemlich genau vor 6 Monaten wurden wir Eltern. Aus einem Paar wurde eine kleine Familie. Ich wurde Mami. Und dann passierten Dinge, die ich vorher gerne gewusst hätte, die mir aber niemand gesagt hat. Als ich neulich im Rückbildungskurs war, stelle ich fest, dass das ganz vielen Mamis so geht. Scheinbar gibt es so eine Art Tabuthemen. Dinge, die einfach verschwiegen und nicht erzählt werden, weil sie vielleicht unangenehm sind. Genau davon will ich Euch heute erzählen.

Geburtstraumata und Wochenbettprobleme

Mein Notkaiserschnitt, die damit verbundenen Erlebnisse und Bilder in meinem Kopf, sind ein Trauma, welches ich erst noch verarbeiten muss. Aber auch ohne Kaiserschnitt und ohne „Notfall“ gibt es Geburten, die aufgrund verschiedener Umstände als traumatisch erlebt werden. Wenn sich die Ärzte „auf einen drauf knien“ und das Baby fast mit Gewalt herausschieben zum Beispiel. Das kann als traumatisch wahrgenommen werden. Oder aber auch, wenn das Baby per Saugglocke „geholt“ werden muss und die Frau hinterher einfach nicht das Gefühl hat, ihr Baby aus eigener Kraft „selbst geboren“ zu haben. Auch das kann Wunden auf der Seele hinterlassen, die verheilen müssen. In meinem Rückbildungskurs stellte ich fest: viele Mütter haben solche Erfahrungen gemacht. Zumindest mehr, als ich gedacht hätte. Und wenn es nicht die Geburt an sich war, waren es hinterher vielleicht einschneidende Erlebnisse im Krankenhaus.

Eine Frühchen-Mami erzählte mir, dass ihr Kleines ihr sofort weggenommen wurde weil es nur 2330g wog und die Kinderärztin „wohl einen schlechten Tag gehabt hat“. Sie durfte sich ihr Baby nicht einmal anschauen. Als sie einige Tage später nachts aufwachte, quälte sie die Frage, ob das Kind neben ihr überhaupt ihr eigenes Baby sei. Schließlich wurde ihr der Moment der Ankunft und des ersten Kennenlernens völlig genommen. Solche Dinge passieren leider. Zum Glück ist es nicht die Regel.

Es gibt viele solcher Geschichten. Von den körperlichen Problemchen wie Milchstau, Wochenfluss, Haarausfall einmal ganz abgesehen. Doch hinterher bekommt man als Außenstehender solche „Kleinigkeiten“ häufig nicht mit. Viele frischgebackenen Eltern trauen sich nicht, ihre traumatischen, bedrückenden oder „nicht normalen“ Erlebnisse zu teilen und erzählen lieber das, was scheinbar alle hören wollen: „Uns geht es gut.“ Natürlich gibt es ganz wundervolle Geburten und Wochenbett-Zeiten ganz ohne Probleme und traurige Momente. Aber es ist einfach nicht immer so.

Dass das Stillen absolut kein Selbstläufer ist, durfte ich am eigenen Leib spüren. Aber durch meine Recherche, meinen Kontakt mit Stillberatung und anderen Müttern habe ich gelernt, dass es eigentlich eher ein Glücksfall ist, wenn sofort von Anfang an problemlos alles klappt und man eine super Stillbeziehung hat. Ich habe mich deshalb oft schuldig gefühlt und den Fehler bei mir gesucht. Dabei ist es eher nicht die Regel, dass alles sofort klappt wie am Schnürchen. Man muss als Familie erst einmal ankommen, sich einspielen und eine Art Alltag entwickeln. Ich dachte: So ein Baby schläft doch sowieso den ganzen Tag. Was mir niemand gesagt hat war, dass es sein kann, dass das Baby aber nur AUF MIR DRAUF schläft und ich somit 24/7 ans Sofa gefesselt bin und nur zwischen Sofa, Wickeltisch und Küche pendele. Dass ich nicht einmal eine Hand frei habe, um mir etwas zu essen zu machen, weil mein Baby sich schlichtweg NIE ablegen ließ, ohne zu brüllen. Auch, dass ich Abends so müde bin, dass ich um 19Uhr oder 20Uhr mit Mathilda ins Bett gegangen bin, war die Regel. Dass man erst einmal keine Zeit mehr für sich selbst und als Paar hat, ist klar. Aber dass man SO wenig Zeit gemeinsam hat, das hat mir niemand verraten. Auch hier gilt wieder: jede Familie, jedes Baby und jeder Alltag ist individuell und es KANN auch alles super und klasse laufen 😉

Muttergefühle sind pures Glück…oder?

„Dieser Moment, wenn Dein Baby zum ersten Mal auf Deine Brust gelegt wird, ist der schönste Deines Lebens.“ Das sagen alle. Abgesehen davon, dass ich diesen Moment wegen des Notkaiserschnitts nicht hatte, fehlten mir die folgenden Wochen auch alle anderen rosaroten Gefühle. Die Frage „Und, schwebst Du jetzt total im Mamiglück“ konnte ich ehrlicherweise immer nur verneinen. Trotzdem habe ich versucht, gute Mine zum bösen Spiel zu machen, denn irgendwie schämt man sich, wenn man nicht „wie alle anderen“ frischgebackenen Eltern einfach nur rundum glücklich ist. Ich habe Mathilda geliebt, von der ersten Sekunde an. Die Mamis, die erst einmal keine Liebe fühlen, tun mir wirklich Leid. Das gibt es durchaus und niemand ist Schuld daran. Wir Mütter machen eine absolute Hormonachterbahnfahrt durch und da kann so etwas einfach passieren. Und obwohl ich Liebe für mein Baby empfunden habe, war ich nicht glücklich. Ich war sogar todunglücklich und habe nur geweint. Sicher war das auch wegen unserer schweren Zeit im Krankenhaus so gewesen. Aber zuhause ging es weiter. Ich war so damit beschäftigt, irgendwie den Tag zu überstehen, Mathilda gut zu versorgen, immer in Sorge, dass sie gut zunimmt und die Gelbsucht endgültig verschwindet. Ich konnte einfach kein Glück empfinden. Zeitweise wünschte ich mir sogar mein altes Leben zurück. Nix mit rosarot. Eher dunkelgrau bis schwarz. „Wann kommt endlich dieses Glücksgefühl, Ich MUSS das doch fühlen. Verdammt nochmal!“, dachte ich.

Dass es ganz vielen Mamis so geht, erzählte auch die Hebamme in meinem Rückbildungskurs. Aber…warum verrät das niemand? Warum MUSS alles immer rosarot und happy sein. Man fühlt sich ja beinahe schuldig, wenn man nicht sofort im absoluten Mutterglück schwebt und man sich sofort nie wieder etwas anderes vorstellen könnte… Aber Gefühle kann man nicht erzwingen und ein ganz häufiges Gefühl nach einer anstrengenden Geburt und dem „Ankommen“ zuhause ist oftmals erst einmal Erschöpfung und Überforderung. Nicht pures Glück. Auch, wenn das viele einfach nicht zugeben und lieber das erzählen, was alle hören wollen. Nämlich dass alles total schön ist und super läuft.

Das soll hier aber weder Angst machen noch ein negativer Erfahrungsbericht werden. Bitte versteht mich nicht falsch. Mich hat es einfach nur sehr gewundert, wie viele Frauen doch ähnliches erlebt und gefühlt haben und wie wenig man vorher davon zu hören bekam. Ich dachte bisher immer, ich bin allein mit diesem nicht vorhandenen puren Glücksgefühl in den ersten Wochen. Doch das ist nicht so. Auch über Instagram schreiben mir immer wieder Mamis, dass sie ihre Kleinen nicht ablegen können, sie nur beim Tragen einschlafen oder einfach nicht zur Ruhe kommen. Ich glaube deshalb, dass das absolut normal ist, nur erzählen es viele nicht.

Was ich damit sagen Will: Ihr müsst Euch nicht schuldig fühlen, wenn ihr nicht von Null auf Hundert unfassbar glücklich seid und nur noch rosarote Muttergefühle habt. Ihr dürft Euch aber glücklich schätzen, wenn es so ist 😉 Denn auch das ist natürlich möglich und ich wünsche es jeder Mami, dass es so war oder so kommt. Wenn Ihr Probleme habt, Eure Erlebnisse der Geburt oder des Wochenbetts zu verarbeiten, sucht Euch unbedingt Gesprächspartner. Das kann der eigene Partner sein, Freunde, andere Mütter, die Nachsorgehebamme oder ProFamilia. Wichtig ist, dass Ihr Euch mit Euren Sorgen, Ängsten und Gefühlen nicht alleine fühlt.

Mir hat übrigens meine Trageberaterin sehr geholfen. Ein echtes Goldstück. Sie hat mich eigentlich immer nur heulend gesehen und selten haben wir in der Trageberatung über’s Tragen gesprochen, haha 🙂 Sie hat mich getröstet in der Zeit, als Mathilda einfach nur am Schreien war und sich durch nichts beruhigen ließ. Und sie war die erste, die mich bestärkt und gesagt hat: „Du machst alles richtig, manchmal müssen Babys einfach weinen und ihre Erlebnisse etwas „lauter erzählen“. Sie war es auch, die mir den Tipp gab, Mathilda einfach nonstop ins Tragetuch zu packen und spazieren zu gehen (übrigens das einzige, was half, um sie zu beruhigen). Von da an lief ich. Täglich bis zu 15km mit Mathilda in der Trage. Und es wurde besser. Stück für Stück wurde es besser und ich wurde glücklicher.

Heute sind wir angekommen. Mathilda ist emotional ziemlich stabil und weint kaum noch (ich bin gespannt auf die nächsten Schübe…haha). Heute bin ich super glücklich. Ich trauere nicht meinem alten Leben hinterher sondern bin unfassbar glücklich als Mami und freue mich jeden Tag darüber. Natürlich gibt es hin und wieder Situationen, in denen man denkt „hach…jetzt Mal eine freie Minute, ohne immer im „Sstandb-Modus   “ zu sein wäre schön“. Aber das ist zum Glück eher die Seltenheit 🙂

Deshalb: sucht Euch unbedingt andere Mamis zum Austausch. Sucht Euch „ehrliche“ Erfahrungsberichte und sprecht darüber, wenn ihr glaubt, dass Ihr irgendwo noch Redebedarf habt. Es gibt keine „Normalität“ in Sachen Elternsein und Muttergefühle und schon gar keine Tabus. Schade, dass einem das vorher niemand verrät aber dafür habe ich es Euch ja jetzt erzählt 😉

8 comments

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Wow, Hannah ein super ehrlicher Blogpost der mir in vielen Dingen aus der Seele gesprochen hat:) Ich habe mich nachts (die schlimmste Zeit für mich wo fast alles dunkel/grau war?!) sehr oft beim stillen gefragt ob ich ‚normal‘ bin oder ob die neue Situation mit Baby ‚normal‘ ist und hinterher oft gesagt ‚DAS erzählt dir ja niemand vorher‘! Gelernt dass ‚normal’ gar nicht existiert und jede Familie/jedes Baby anders ist, habe ich schnell! Mittlerweile bin ich schonungslos offen wenn Freundinnen mich interessiert fragen wie die erste Zeit mit Baby ist, einfach weil ich genau wie du glaube, dass viel zu wenig ‚ehrlich‘ drüber gesprochen wird! Somit DANKE für deine erfrischend ehrlichen Worte 🙂

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Wow, ein super Bericht. Ich bin Septembermami und hatte das Glück einer tollen Geburt und habe meine kleine v8n Anfang an geliebt. Aber einige Punkte kann ich super nachvollziehen. Zum einen wächst die Liebe zum Kind und wird von Tag zu Tag größer. Ich hab früher auch immer gedacht, das man Babys einfach hinlegt wenn sie müde sind und dann schlafen 😂. Wurde duch meine süße Maus eines besseren belehrt. Und ich habe in den letzten Monaten auch gemerkt wie viele einfach schwindeln, was das Leben mit Baby betrifft.
Wir hatten 10Wochen mit Koliken zu tun und die kleine hat Herzzerreißend geweint. Wir haben sie viele Stunden getragen und sie ist jetzt ein super ausgeglichenes Baby.
Aber was meinst du was wir für Blicke und Kommentare zu hören bekommen haben..
Ich würde noch mal ein zweites bekommen um es alles noch mehr zu genießen mit der Gewissheit, alles braucht seine Zeit und das Bauchgefühl stimmt zu 99%.

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Danke! Danke für so einen ehrlichen Bericht und du sprichst mir damit so aus der Seele. Diese ganzen Tabu Themen, das haben wir auch bemerkt. Bei uns hat auch ganz viel „mit anderen darüber reden“ geholfen. Ich hatte eine wirklich tolle und natürliche Geburt aber ab da lief alles schief … Fehlinformationem der Hebammen und unfreundliche Behandlung im Krankenhaus… nachdem unsere Tochter für ein paar Sekunden aufgehört hat zu atmen musste sie für einige Tage zur Beobachtung auf die Intensivstation und wir hatten solche Angst als wir sie endlich mit nach Hause nehmen durften. Alle dachten das wir darüber froh wären, waren wir auch, natürlich! Aber ab da ging die Angst eigentlich erst richtig los, weil wir nun auf uns alleine gestellt waren und man gefühlt alle 10 Minuten geguckt hat ob sie auch wirklich noch atmet. Da habe ich mir auch manchmal mein altes Leben zurück gewünscht, einfach weil man sich nicht mit solchen Sorgen und Ängsten quälen musste… Und auch Lea war ein Baby was nur auf Mama oder Papa oder in der Trage geschlafen hat….
wir sind nun auch nach 5 Monaten endlich im Alltag angekommen. Ich habe das Glück, super Freundinnen im Geburtsvorbereitungskurs gefunden zu haben, bei denen man auch komplett ehrlich und offen über alles sprechen Lamm.

LG Svenja

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Liebe Hannah,

mein kleiner Mann kam Ende August zur Welt. Die Geburt musste eingeleitet werden, da ich eine Schwangerschaftsgestose hatte. Einen Tag nach dem errechneten Termin hielt ich mein kleines SteinzeitbabY in den Armen. Ja, ein SteinzeitbabY, welches Anpassungsschwierigkeiten hatte und alles andere als unkompliziert war. Das Stillen klappte nicht so recht. Erst mit stillhütchen und meiner tollen Hebamme lief es. Eigtl wollte ich nie stillen, jetzt kann ich es mir ohne gar nicht mehr vorstellen…
Auch ich dachte, ein Baby schläft ständig und überall. Och muss heute noch über meine Naivität lachen! Ich trug ihn stundenlang in der Trage. Der schöne Kinderwagen stand in der Ecke und das beistellbett stand nur zur Deko im Schlafzimmer. Er schlief jede Nacht in meinem Arm. Noch Toilette… Oder später ins Bett. Auch ich lag meistens um 20 Uhr im Bett… Eine Partnerschaft muss auch das irgendwie verkraften. Von der Familie wurde mir vorgeworfen, ich hätte ihm die Nähe anerzogen… Es wäre so nicht normal… Die erste Frage lautet heute immer noch: schläft er denn nun durch (von 19-7 Uhr morgens)? Und wenn ich dann erkläre, dass Dursvhlafem 6 Stunden sind… Werde ich müde belächelt… Man muss als Mutter schon einiges einstecken, auch deshalb erzähl ich nur wenig.
Seitdem Jonathan aber sechs Monate alt ist, schläft er alleine bei uns im Bett. Auch mal sechs Stunden, aber eher 4-5.ubd wacht dann alle 2-3 Stunden auf. Für mich Luxus! Der Kinderwagen hat sich seine Liebe nun auch erkämpft. Und ich trage ihn nur noch selten. Neun Kilo sind nicht ohne :-).
Danke für deinen Blogpost! Es geht so vielen Mamis so! Aber es wird besser!

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Ich glaube die Frage warum einem das vorher keiner erzählt, kann man auch damit beantworten, dass es einem sowieso keiner glaubt, der nicht selbst schon ein Kind bekommen hat.
Wenn man solche „Geschichten“ hört hat man doch nicht im Geringsten eine Vorstellung wie das ist.
Welchen Schmerz man selbst verspürt, wenn das eigene Kind Schmerzen hat. Es ist wie einem Blinden zu erklären, wie Farben aussehen.
Und vielleicht hat man selbst ja auch schon etliche solcher Geschichten gehört, aber man hat sie immer abgetan, weil einem selbst das ja eh nie passieren würde. Man selbst ist ja total entspannt und macht dann schon alles richtig.

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Liebe Tina,

da hast Du recht. Viele , die nicht Ähnliches durch haben, können das nur schwer nachempfinden, was man ihnen aber auch gar nicht verübeln kann. Umso wichtiger, dass man andere Mamis kennenlernt, mit denen man sich offen und ehrlich austauschen kann.

Lieben Gruß

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Du hast so Recht!
Kommunikation hilft. Hier waren Geburt (Glocke), Wochenbett (schlimme Geburtsverletzungen) und Stillen (Fieber, Blut, Schmerzen)-auch krasse Herausforderungen. Aber die Liebe ist so unendlich. Und genau das sieht man auch bei euch…In jedem einzelnen Bild und Satz von dir, spürt man die Liebe zu Mathilda. Ein Hoch auf uns und alle Mamas dieser Welt.

Toll, dass du den Mut zeigst uns davon zu erzählen. Und dir trotz aller Herausforderungen Zeit nimmst uns teilhaben zu lassen. Ganz liebe Grüße!!

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Liebe Natascha,

vielen Dank für Deine lieben Worte, das rührt mich wirklich sehr! Auch Euch wünsche ich weiterhin viel Kraft und einen Weg, der von Liebe, Verständnis und zusammenhalt geprägt ist.

Liebe Grüße

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