Wow, seit ich auf Instagram einmal erwähnt hatte, dass ich hochsensibel bin, wurde und wird das Thema immer stärker nachgefragt. Ihr habt Euch gewünscht, dass ich einmal erkläre, wie man Hochsensibilität überhaupt erkennt und was sie mit sich bringt. Also starte ich heute einmal mit einer Art Grundwissen-Beitrag zum Thema Hochsensibilität.

Hochsensibilität ist derzeit „groß im Kommen“, womit ich sagen möchte, dass sich immer mehr Litaratur mit dem Thema befasst und Menschen stärker daran interessiert sind. Ich möchte vermeiden, hier von einem „Trend“ zu sprechen. Dieses Wort zog bereits andere psychologische – nennen wir sie „Besonderheiten“ – ins Lächerliche wie z.B. Burnout oder ADHS. Darüber will ich heute auch gar nicht diskutieren sondern Euch Informationen an die Hand geben, mit denen Ihr Euch in das Thema Hochsensibilität einfinden könnt. Für die nächste Zeit sind weitere themenspezifische Blogposts geplant, die Tipps für HSP beinhalten, das Thema „hochsensibles Baby/Kind“ behandeln und Probleme sowie Begabungen von hochsensiblen Personen besprechen.

Was bedeutet Hochsensibilität – ist es eine Krankheit?

Hochsensibilität ist keine Erkrankung. Wäre Hochsensibilität eine psychische Erkrankung, wäre sie in den einschlägigen Klassifizierungswerken (z.B. ICD10 oder DSMVI) als solche gelistet. Viel mehr ist Hochsensibilität eine Besonderheit der Reizverarbeitung. Betroffene sind hier, wie der Name schon sagt, hoch sensitiv. Die Schwelle, bei der ein Reiz wahrgenommen wird, liegt niedriger, viel niedriger. Ankommende Reize werden daher zwar nicht ungefiltert aufgenommen, jedoch gelangen einfach viel mehr Reize hindurch. Hochsensible hören also beispielsweise nicht unbedingt „besser“ sondern „mehr“.  Sie fühlen stärker, nehmen auch optische Reize stärker wahr, empfinden gesteigerte Empathie für andere und sind im Allgemeinen schnell „reizüberflutet“. Es bedeutet daher nicht, dass HSP immer psychisch gesund sind, denn eine ständige Reizüberflutung kann durchaus ohne angemessene Bewältigungsstrategien zu psychischen Problemen führen.

HochsensibilitätWie viele Hochsensible Personen gibt es in der Bevölkerung und wie finde ich heraus, ob ich betroffen bin?

Die Autorin, die das Phänomen erstmal beschrieb, war Elaine N. Aaron. Sie sprach in ihrer Literatur davon, dass etwa 15-20% aller Menschen hochsensibel seien. Ich halte das für etwas übertrieben. Andere Autoren sprechen mittlerweile von 10 bis maximal 15%. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil Hochsensibilität (noch) schwer zu testen und nachzuweisen ist. Wo wir auch bereits beim Thema „Testen“ wären. Im Internet kursieren viele Tests, mit denen Ihr herausfinden KÖNNTET, ob Ihr eine HSP seid. Jedoch sind die Tests nicht immer sehr verlässlich, da sie zum einen auf Selbstauskunft beruhen und daher anfällig für Verzerrungen sind und zum anderen auch Items (einzelne Fragen) beinhalten, die beinahe jeder Mensch als „zutreffend“ ankreuzen würde. Macht Ihr solch einen Test, kommt meiner Meinung nach also mit einer größeren Wahrscheinlichkeit heraus, dass Ihr eine HSP seid.

Eine viel verlässlichere Variante, herauszufinden, ob Ihr vielleicht hochsensibel seid, ist, Euch genau zu beobachten, Eure Gedanken und Gefühle zu reflektieren und zu prüfen, ob Ihr diesbezüglich der allgemeinen „Norm“ entsprecht oder eben etwas davon abweicht. Ich will an dieser Stelle noch einmal betonen, dass Hochsensibilität nichts Negatives ist. Es ist auch nicht super positiv (im Sinne von Hochbegabung, die jedoch auch nicht immer NUR positiv ist). Also solltet Ihr eine HSP sein, seid Ihr zwar etwas Besonderes aber das ist jeder Mensch auf seine ganz eigene und individuelle Art 😉

HochsensibilitätWelche Merkmale haben Hochsensible Personen?

Die so sensible Wahrnehmung der HSP ist in einer physiologischen Disposition ihres Nervensystems Begründet. Wie schon beschrieben, kommen dort einfach viel mehr Reize an – und zwar sowohl äußere Reize wie Geräusche oder Gerüche, als auch innere Reize wie Gefühle (auch die anderer Personen), Vorahnungen und Erinnerungen. Da sämtliche Sinneseindrücke bei HSP stärker und detaillierter sind, nehmen sie Informationen wahr, die ihren nicht hochsensiblen Mitmenschen entgehen. Hierbei ist es jedoch sehr individuell, für welche Reize eine HSP besonders empfänglich ist. Wenn ich einmal kurz von mir spreche, kann ich sagen, dass bei mir besonders auditive Reize und sämtliche Gefühle (hierbei am „schlimmsten“ Empathie) extrem stark ankommen (und mir auch die größten Schwierigkeiten bereiten).

„Sei doch nicht so sensibel!“

Hochsensibilität birgt ein großes Potenzial. So können HSP sich meist besonders gut in andere Menschen hineinversetzen, sie spüren die „Stimmung“ anderer Personen noch bevor diese ihnen davon berichten und sie registrieren kleinste Veränderungen an Mimik, Gestik, in der Stimme oder in der Umgebung. Doch häufig lässt sich das Potenzial nicht voll ausschöpfen. Nicht immer ist es schön, so über-Empathisch zu sein, davon kann ich ein Lied singen. Mir zum Beispiel hängen schlechte Nachrichten, Spendenaufrufe für totkranke Kinder, Berichte über hungernde Menschen oder Tierleid noch wochenlang nach. Ich leide darunter, schlafe schlecht und fühle mich emotional sehr belastet, obwohl ich persönlich gar nicht direkt von diesen Schicksalen betroffen bin. Ich mache die Stimmung anderer Menschen zu MEINER Stimmung. Und das ist natürlich in manchen Fällen ziemlich belastend.

Die zehn häufigsten Eigenschaften bei Hochsensibilität

Doch weg von mir und zurück zu den Eigenschaften Hochsensibler im Allgemeinen. Ich habe Euch einmal die 10 häufigsten Eigenschaften von Hochsensibilität bzw. hochsensibler Personen zusammengefasst.

1. Starke Intuition und tiefe Gefühle

HSP beschäftigen sich gründlich, lange und detailreich mit den Dingen um sie herum. Sie recherchieren, beobachten und wirken manchmal sogar wie „besessen“ von einem Thema. Nicht selten begleiten sie die Themen, mit denen sie sich am Tag intensiv beschäftigt haben auch in die nächtlichen Träume. Auch „Schwingungen“ wie negative Stimmungen in einer Gruppe oder eines Gegenübers werden sofort registriert. Nicht selten passiert es, dass sich diese Schwingungen auf die HSP übertragen und sie sich dadurch der entsprechenden Stimmung anpassen, sie fühlen quasi das, was der andere fühlt und machen fremde Stimmungen zu ihrer eigenen.

2. Starke Emotionen

HSP haben sehr starke Gefühle. Ob Wut, Trauer, Freude oder Mitleid. Sämtliche Gefühle sind viel stärker als bei normal sensiblen Menschen. Sie haben besonders viel Empathie und Mitgefühl für Menschen und Tiere und machen sich auch deshalb häufig viel mehr Sorgen um andere.

„Du bist aber dünnhäutig!“

3. Selbstzweifel und Selbstvorwürfe

Hochsensible beziehen Dinge oft auf sich selbst. Passiert ein Fehler oder läuft etwas nicht wie gewünscht, üben sie starke Selbstkritik und nehmen Dinge auch sehr schnell persönlich. Daraus resultieren Selbstzweifel und nicht selten auch eine mangelnde Selbstwirksamkeitserwartung (d.h. sie trauen sich weniger zu als sie eigentlich können). HSP leiden oft auch unter starken Selbstvorwürfen. Der Ärger über eigene Fehler ist überdurchschnittlich stark und sie empfinden es oft als schlimm,wenn sie schlecht bewertet oder kritisiert werden. Deshalb: Punkt 7.

„Nimm Dir das doch nicht so zu Herzen!“

4. Ausgeprägte Lärmempfindlichkeit

Bei den meisten HSP sind auditive Reize sehr belastend. Oftmals reicht es schon, wenn mehrere Menschen durcheinander reden. Wenn dazu noch Straßenlärm oder ein laufendes Radio oder TV kommt, wird es schnell überfordernd. Auch große Menschenansammlungen wie beispielsweise auf Weihnachtsmärkten, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Aufzug empfinden sie oft als sehr bedrückend und unangenehm und versuchen solchen Situationen zu entkommen oder sie gleich zu meiden.

5. Starke Abneigung gegenüber Gewalt

Mit Gewalt kommen HSP nur selten gut klar, sie empfinden oft eine starke Abneigung und die „Alarmglocken“ läuten sehr schnell. Filme, Berichte, Nachrichten etc. belasten HSP sehr schnell, wenn zu viele Gewaltdarstellungen enthalten sind.

6. „Nah am Wasser gebaut“

Bei HSP fließen schnell mal die Tränen. Ganz besonders bei Mitgefühl für andere Menschen oder für Tiere. Aber auch bei Rührung, Angst, wenn sie sich erschrecken oder bei Überforderung.

„Stell Dich nicht so an!“

7. Angst vor Kritik

HSP vermeiden gerne Situationen, in denen sie kritisiert werden können oder kritisieren sich lieber selbst, um den anderen zuvor zu kommen. Die Begründung dafür findet Ihr unter Punkt 3.

8. Detailverliebtheit und Perfektionismus

HSP sind nicht selten ziemlich detailverliebt. Alles muss „stimmen“. Ob die faltenfreie Bluse, das korrekt dekorierte Besteck auf der Kaffeetafel oder die streifenfrei geputzten Fenster. Aus der Detailverliebtheit resultiert manchmal Perfektionismus und ein sehr überhöhter Anspruch an sich selbst. HSP erwarten ungeheuer viel von sich selbst, oft sind die Ansprüche aber unrealistisch, woraus eine Unzufriedenheit resultiert.

9. Lieber Einzel- statt Teamsport

Obwohl HSP aufgrund ihrer sozialen Ader und dem guten Überblick über komplexe Situationen sehr gute Teamplayer sind, üben sie oft lieber Einzel- statt Teamsportarten aus. Dies liegt nicht nur daran, dass HSP im Sport oft einen Ausgleich zu belastenden Alltagssituationen suchen sondern auch daran, dass sie generell nicht gerne beobachtet werden, während sie etwas tun (oftmals aus Angst vor Bewertung und Kritik, siehe Punkt 7 und 3).

10. Gute Manieren

HSP legen oftmals großen Wert auf Benimmregeln und soziale Angepasstheit. Sie wollen nicht (negativ) auffallen. Ganz besonders wünschen sie sich aber gegenseitige Rücksichtnahme im täglichen Miteinander in der Gesellschaft. Grobe „Regelverstößen“ wie Drängeln, lautstarkes Pöbeln in der U-Bahn, Verstöße im Straßenverkehr usw. belasten sie dadurch häufig.

Das waren nun einmal die häufigsten Eigenschaften bei Hochsensibilität. Wenn Du alle bejahen kannst, bist Du mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hochsensibel. Wenn Du hingegen bei keinem dieser 10 Punkte zustimmst, ist Hochsensibilität wohl eher kein Teil Deiner Persönlichkeit. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel und ich will erneut betonen, dass jede hochsensible Person sich ganz individuell von anderen hochsensiblen Personen unterscheidet. So wie wir ALLE 😉 Sich „einzuordnen“ soll nicht bedeuten, dass man sich selbst oder andere in Schubladen steckt! Was mir jedoch gut tat, war, dass es für viele meiner „Gefühle“ und Besonderheiten einen Namen oder eine Bezeichnung gibt und ich nicht einfach „nur zart besaitet“ bin.

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1 Kommentar

Antworten

Danke für diese wertvolle Zusammenfassung!! Du „kennst“ mich ja auch etwas und ich muss sagen, dass eigentlich alles zutreffend ist. Es ist allerdings eher anstrengend als schön, diese Gefühle und Gedanken zu haben… Nicht umsonst schlafe ich oft sehr schlecht 🙁 danke :*

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