„Mathilda ist vielleicht kein Schreibaby aber definitiv ein High Need Baby – wahrscheinlich auch hochsensibel!“

Bums. Dieser Satz meiner Trageberaterin hatte gesessen. So sehr uns diese „Diagnose“ auch eine Erklärung für Mathilda’s andauerndes Schreien lieferte, so sehr warf sie tausend Fragen in meinem Kopf auf. Was bedeutet das? Ein Baby, mit extrem starken Bedürfnissen? Sehr fordernd und sensibel? Ist mein Baby etwa nicht „normal“?

Heute weiß ich, was es bedeutet. Aussagen wie „Puuh, Mathilda ist wirklich kein einfaches Kind“ und „Das Zweite wird bestimmt ganz pflegeleicht“ bin ich gewohnt und nehme sie niemandem übel. Gleichzeitig bin ich schon gespannt und vielleicht sogar etwas besorgt, wie es mit so einem „High-Need-Baby“ weiter geht, wenn die emotionalen Ausbrüche erstmals unserer „Erziehung“ gegenüberstehen werden und nicht mehr jedes Bedürfnis bedingungslos befriedigt wird. In der Trotzphase, im Kindergarten, in der Schule…

Aber es ist okay, wie sie ist. Wir selbst dürfen ja auch so sein, wie wir nun mal sind und wollen um unserer Selbst Willen geliebt und akzeptiert werden. Und genau das will ich Euch heute mitgeben. Seid nicht so streng mit Euch und Euren Zwergen. Presst sie nicht in irgendeine Schublade und kämpft an gegen den Mütter-Wettstreit und den sozialen Vergleich!

Kinder sind verschieden! Sind sie heute ZU verschieden?

Schon in der Schwangerschaft geht der Vergleich mit anderen Müttern los. „In welcher Woche bist Du? Echt? Da war MEIN Bauch ja noch viel kleiner!“ „Machst Du auch diesen Hypnobirthing-Kurs?“ Ist das Baby erst einmal auf der Welt, wird es noch schlimmer. Wie viel wiegt Dein Kind, dreht es sich schon? Krabbelt es? Kann es sprechen, laufen, braucht es keine Windel mehr? Nicht nur andere Mütter üben hier einen sozialen Druck, einen gewissen „Zugzwang“ aus sondern auch Kinderärzte und Normtabellen.

In unserer Gesellschaft gibt es eine Tendenz, alles als „krank“ oder „bedenklich“ einzustufen, was in irgendeiner Weise von der Norm abweicht. Ist Dein Kind noch nicht mobil genug, hält es sein Spielzeug immer nur mit der linken Hand oder verstehst nur Du sein undeutliches Geplapper? Dann ist das problematisch! Oder?

Schnell gegensteuern – Ratgeber und Therapien

Früher oder später wirst Du Dich dann diesen unterschwelligen Vorwürfen stellen müssen. „Ist das eigentlich normal, dass Dein Kind noch nicht läuft?“ Ob Erzieher, Freunde, Verwandschaft oder Fremde – irgendwer hat dann sicher einen ganz tollen Tipp, einen Ratgeber in Buchform oder eine Therapieempfehlung. Hauptsache, Dein Kind wird schnell „normal“. Förderung ist alles – oder?

Wusstet Ihr, dass sich in Deutschland jedes Zweite Kind in irgendeiner Behandlung befindet? Dein Kind verweigert bestimmte Lebensmittel – Fütterstörung! Dein Kind möchte nicht alleine im eigenen Bett schlafen – Schlafstörung! Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie – Hauptsache das Kind wird angemessen gefördert, um sich der Normkurve schnell wieder anzunähern.

Eine Schublade kann auch eine Hilfe sein

Ohne Frage möchten die meisten Leute in Deinem Umfeld wirklich nur das Beste. Erzieher wollen lieber früh auf ein mögliches Defizit hinweisen, als etwas zu „verpassen“. Fördermöglichkeiten sind häufig sinnvoll und gut! Zudem kann die Schublade, in die Dein Kind gesteckt wird auch eine Art Hilfe sein, mit der Art Deines Kindes umzugehen. Du hast ein High-Need-Baby? Achso, dann müssen wir es ja nicht alle heute herumreichen und auf den Arm nehmen. Dein Kind hat ADHS? Dann ist es okay, dass es vom Esstisch früher aufsteht und spielen geht. Dein Kind hat autistische Züge? Dann muss es die anderen Kinder zur Begrüßung nicht liebevoll umarmen.

Wenn eine „Schublade“ hilft, mit der Art Deines Kindes besser umzugehen, ist das gut! Ebenso ist es toll, wenn die verordnete Fördermaßnahme Deinem Kind hilft, sich besser in seinem Umfeld zu bewegen.

Schluss mit Vergleichs-Stress

Akzeptiere Dein Kind genau so wie es ist! Versuche, nicht die Defizite zu sehen sondern die positiven Dinge, die Dein Kind ausmachen. Es ist hochsensibel? Ja wunderbar, dann kann es dafür wahrscheinlich besonders empathisch auf seine Mitmenschen eingehen. Die Schere landet immer in der falschen Hand und generell ist Feinmotorik einfach nicht so sein Ding? Hey, dafür kann Dein Kind vielleicht schon toll sprechen oder zählen oder ist musikalisch sehr interessiert.

Vertraue auf den Rat Deines (Kinder-)Arztes und von Fachpersonen aber hinterfrage immer und mach Dich schlau! Mach Dir keinen Druck, wenn Dein Kind nicht exakt in die Normkurve passt, gib ihm Zeit und frage fachlich geschulte Personen um Rat, wenn Du Dir unsicher bist, was die Entwicklung angeht. Konzentriere Dich IMMER auf die positiven Dinge und mache nicht mit beim ewigen Vergleich unter Müttern. Denn Elternschaft ist kein Wettbewerb und unsere Kinder sind keine „Leistungsträger“, die wir miteinander vergleichen müssen, um mögliche „Rückstände“ sofort auszubüglen. Das führt nur zu negativen Gedanken, Sorgen und Kopfkino.

Wie ist das bei Euch? Wurden Eure Minis auch bereits in Schubladen gesteckt? Habt Ihr Euch auch schon einmal dabei erwischt, wie Ihr Euch insgeheim gefragt habt, ob dieses oder jenes Verhalten Eures Kindes „normal“ ist? Schreibt mir gern in den Kommentaren, ich freue mich auf den Austausch mit Euch!

3 comments

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Das hast du echt schön und treffend geschrieben.

Wir haben auch ein hochsensibles autonomes Kind, es ist echt sehr anstrengend. Vor allem bei den aussenstehenden da diese immer so „tolle“ Tipps für uns haben 😕

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Hallo Hannah!

Es ist so wahr was du schreibst. Ich finde es mittlerweile echt anstehenden sich mit müttern zu unterhalten, die kein anderes Thema als die Entwicklung des Kindes kennen und es fast ein Wettbewerb ist, welches Kind was zuerst kann…

Unsere Maus hatte von Geburt an eine starke Hüftdysplasie, sodass sie erst eine Bandage, dann einen Gips und dann nochmal eine Schiene tragen musste. Seit sie 7 Monate alt ist, ist es endlich geschafft. Aber auch schon während der Behandlung musste ich mir so oft anhören „ oh das ist aber schade, die Arme will doch unbedingt und kann es nicht“. Sie war immer glücklich, hat gelacht und war super zufrieden. Sie kannte es ja auch nicht anders. Aber das sie immer automatisch als „das arme Kind“ bezeichnet wurde hat mich irgendwann echt sauer gemacht.

Danach kam dann oft von Unbekannten Müttern nur ach sie kann noch nicht dies und das und das mit 9 Monaten? 😃 irgendwann hab ich aufgehört mich zu rechtfertigen 🤷🏼‍♀️
Sie wird es schon machen, wenn sie bereit dafür ist. Und jetzt mit 9,5 Monaten und der Hilfe von Physiotherapie robbt sie, steht im Vierfüßlerstand und dreht sich den ganzen Tag hin und her 🙂
Ich glaube man sollte sich da auch nicht so unter Druck setzen lassen.

Ganz liebe Grüße
Svenja 🙂

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Wir sollten unsere Kinder so lieben wie sie sind! Und genau das ist die Kernaussage deines Textes. Super geschrieben! Ich finde uns dort wieder. Auch wir haben einen kleinen sensiblen Jonathan, der jetzt schon ordentliche Wutanfälle bekommt 🙂

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