Alles war wie immer. Zumindest so wie die letzten Wochen. Ich freute mich auf „Goodbye Deutschland“ am Abend, auf die warme Dusche und aufs Bett. Mittags war ich noch bummeln in der Stadt, besorgte ein paar unnötige aber einfach zu goldige Baby-Utensilien und Lebensmittel ohne Zuckerzusatz für meine 5 zuckerfreien Wochen vor der Entbindung. 5 Wochen noch. Um mich zu freuen, dass wir bald eine kleine Ohana (hawaiianisch für Familie) sind.

Mein Schatz machte etwas früher Feierabend, so dass wir noch gemeinsam auf dem Sofa entspannen wollten, bevor er zum Training fährt. Um 18Uhr legte ich mich zu ihm auf die Couch. „Oh, verdammt, ich glaube, ich mach‘ grad Pipi in die Hose.“, sagte ich und flitzte – sofern man das im 9. Monat noch „flitzen“ nennen kann – zur Toilette. Sofort wurde mir klar. Da stimmt etwas ganz und gar nicht. Statt Pipi lief eine riesige Menge Blut aus mir raus. Und es wollte auch nicht aufhören. Wir zögerten nicht eine Sekunde und fuhren sofort ins Krankenhaus.

Dort wurde ich im Kreißsaal erst einmal ans CTG angeschlossen. Die Herztöne der kleinen Maus waren in Ordnung. Eine dreiviertel Stunde später wurde ich gynäkologisch untersucht und bekam noch einen Ultraschall. Auch hier war soweit nichts auffällig. Also wieder zurück ans CTG. Die ganze Nacht sollte ich hier liegen. Mindestens. Wir warteten. Eine halbe Stunde. Die Herztöne waren gut. Ich blutete jedoch unaufhörlich weiter. Zu meinem Freund sagte ich, er könne ruhig noch einmal kurz nach Hause fahren. In der Eile hatten wir Handys und Ladegeräte vergessen und auch etwas bequeme Kleidung für ihn wäre sicherlich gut, wenn er die ganze Nacht oder länger neben mir am Bett wachen muss. Er fuhr los.

Nach einer halben Stunde sollte ich noch einmal eine Urinprobe abgeben und wurde dafür vom CTG abgestöpselt. Zurück von der Toilette wieder ans CTG angeschlossen. Die Herztöne waren viel zu niedrig, die Kleine wurde instabil. Sofort kam die Oberärztin und verabreichte mir über die Vene einen starken Wehenhemmer zur intrauterinen Reanimation. Reanimation. Wiederbelebung. Wie bitte?

Ich fing an zu weinen. Mein Herz sprang durch das Medikament fast aus meiner Brust. Die Kleine reagierte leider kaum, sofort fielen ihre Herztöne weiter ab. „Das ist mir zu heikel, bereitet den OP vor“, sagte die Oberärztin zu ihrer Kollegin und prompt forderte die Hebamme mich auf, meine Ohrringe abzulegen und eine Art „Schnaps“ zu trinken. OP. Kaiserschnitt. Nun brach ich völlig zusammen. Nie, nie, niemals wollte ich einen Kaiserschnitt. Wochenlang hatte ich gebangt, dass sich die Kleine endlich in Geburtsposition dreht, damit mir wegen Beckenendlage kein Kaiserschnitt droht. Alles hatte ich dafür getan und war überglücklich, als sie sich in Woche 32 endlich drehte und auch so blieb. Und nun doch ein Kaiserschnitt? Fünf Wochen vor dem eigentlichen Entbindungstermin? Ich bettelte, ob wir nicht noch etwas warten könnten, dass ihre Herztöne sich wieder fangen. Ich konnte nicht fassen, dass sie nun einfach aus meinem Bauch herausgerissen werden sollte. Vergebens. Innerhalb weniger Minuten wurde ich im OP auf den Eingriff vorbereitet. Die PDA wirkte nicht schnell genug. Unter Weinen und Schluchzen versuchte ich, den Anweisungen der Ärzte und Hebammen zu folgen. Tief atmen. Die Herztöne der Kleinen fielen unter 60 und waren plötzlich ganz weg. Innerhalb weniger Sekunden wurde ich in Vollnarkose gelegt.

An das Aufwachen kann ich mich kaum erinnern. Ich weiß nur, dass ich sofort nach der Kleinen gefragt habe. Mein Freund erzählte mir, dass ich wohl alle 2 Minuten die gleichen Fragen gestellt habe. „Atmet sie? Muss sie beatmet werden? Wie sieht sie aus?“ Ich konnte meine Augen einfach nicht öffnen, bekam alles nur halbwegs mit. Ich konnte aber sagen, dass ich sie nackt auf meine Brust gelegt bekommen möchte und zum Glück konnte das dann auch direkt realisiert werden.

Unsere kleine Kämpferin schlug sich tapfer. 46 cm und 2440g. Dieses kleine Bündel Leben. Viel zu früh aus Mamas Bauch gerissen. Ein großes Glück, dass sie nicht auf die Kinder-Intensivstation musste, sondern bei uns bleiben durfte.

Kaiserschnitt. Wahnsinn, dass manche das freiwillig wollen. Ich hatte ungelogen die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Niemals hätte ich gedacht, irgendwann einmal froh um einen Blasenkatheter zu sein. Ich konnte NICHTS. Mich nicht bewegen, nicht mal ein kleines Bisschen. Mein Freund musste die ersten Tage rund um die Uhr seine pflegerischen Fähigkeiten beweisen. Mit mir zur Toilette gehen, mich füttern. Das ist Liebe. Die Kleine kämpfte tapfer. Dann bekam sie leider Gelbsucht und musste unter Blaulicht bestrahlt werden. Am sechsten Tag nach der Entbindung durften wir endlich nach Hause. Doch die Freude währte nur kurz. Schon am nächsten Tag wurden wir wieder eingewiesen. Ihr Gelbsucht Wert war erneut gestiegen und sie einfach zu schwach, damit alleine fertig zu werden. Wieder Krankenhaus. Wieder alleine und nackt in einem Kasten liegen und bestrahlt werden. Mit verbundenen Augen. Mir zersprang das Herz in der Brust.

Noch immer habe ich den Schock nicht verarbeitet. Alles ging viel zu schnell. Nichts davon haben wir uns so vorgestellt. Rein rational wissen wir, dass es die beste Entscheidung war, sofort einen Notkaiserschnitt zu machen. Meine Plazenta hatte sich abgelöst. Es bestand akute Lebensgefahr für uns beide. Der Notkaiserschnitt war die einzige Möglichkeit, mein und ihr Leben zu retten. Emotional ist es aber einfach schwer zu verarbeiten. Zudem mussten wir bis heute im Krankenhaus bleiben, da die kleine Maus und ihre Leber allein noch nicht mit dem Abbau der Gelbsucht klarkam. Wir hoffen, dass ab heute endlich eine Art neuer „Alltag“ auf uns zukommt und wir das Vergangene bald verarbeitet haben.

Sie ist einfach das zauberhafteste und zarteste Wesen, das ich je gesehen habe. Unser kleines Bündel Glück.

Mathilda Sophie – Willkommen im Leben. Auf dass Dein holpriger Start Dich nur noch stärker macht für alles, was Dir auf Deinem Weg begegnen wird!

4 comments

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Oh mein Gott ich hab fast geweint bei dem emotionalen Text. Unglaublich wie schnell man in so eine Situation geraten kann. Zum Glück ist alles gut gegangen und dir und deiner Familie geht es langsam besser.
Genieß jede Minutr zusammen mit eurer kleinen Kämperin. Noch mal herzlichen Glückwunsch
Lg Denise

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Oh Gott, da fiebert man ja wirklich mit, wenn man das liest… kaum zu glauben, dass sie jetzt da ist, ich weiss noch, wie wir uns in Holland das Zimmer geteilt haben, und deine kleine Kugel noch wirklich klein war. Ich drück eurer kleinen Familie alle Finger & Zehen! Ihr schafft das, eure Maus schafft das & ihr werdet unfassbar stark aus all dem herausgehen!
Liebe Grüsse
Eva

http://www.eva-jasmin.de

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Liebe Hannah, ich habe Deinen Text richtig gefesselt gelesen – was für ein Glück, dass alles gut gegangen ist!
Ich freue mich so für euch – Gratulation! und alles alles Gute für Euch und das süsse Baby und ganz viel Kraft!
Liebste Grüsse
Janine von https://www.vivarubia.ch/

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Hallo 🙂 durch Tante Google fand ich den Weg hier her.
Uns ist am Freitag etwas ganz ähnliches passiert.
Unser Sohnemann wollte auch fünf Wochen eher raus, auch ich verlor viel Blut, musste/durfte ihn dringend spontan zur Welt bringen und seine Lungen waren voll mit Plazentablut. Er liegt daher aktuell noch in der Klinik, während ich bereits Daheim bin. Natürlich besuche ich ihn so oft es geht, aber du kennst ja das Gefühl der zerspringenden Brust. Mein Mäuschen liegt auch unter der UV Lampe, bekommt noch Infusionen und wirkt sooo zart.
Wir sind irre stolz auf unseren Kämpfer, er entwickelt sich super 🙂
Trotzdem hat man natürlich einfach Angst. Daher finde ich es toll, dass du im Blog über die Entwicklung berichtest. Das macht uns anderen Frühchen-Eltern einfach Mut 🙂
Deiner Familie wünsche ich weiterhin alles Liebe!

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